Vivaldi-Nacht im Dachauer Schloss
Vivaldi ist ein Zugpferd. Die Sonatori de la Gioiosa Marca sind ebenfalls ein Zugpferd. Kombiniert man nun den Venezianer Vivaldi mit dem Orchester aus Venedigs "Fröhlicher Mark", dem Gebiet rund um Treviso auf dem alten Terra ferma, dann zieht dies das Publikum magisch an.
Ein Geheimtipp aber sind inzwischen die Konzerte der Sonatori mit der Flötistin Dorothee Oberlinger. Oder zumindest war das ein Geheimtipp, denn der Andrang in dem ausverkauften Saal im Dachauer Schloss am 12. Januar 2008 spricht wahrlich Bände. Dorothee Oberlinger hat mit den Sonatori de la Gioiosa Marca inzwischen über dreißig Mal konzertiert, da kennt man sich bestens, da bedarf es keiner Worte, da versteht man sich blind. Zu hören, nein zu erleben war das wieder einmal mehr im gesamten Konzert.
Die Zusammenarbeit, so erzählte mir Dorothee Oberlinger nach dem Konzert, ist das Ergebnis eines Hilferufes von den Tagen der Alten Musik in Regensburg im Mai 2004: Die Sonatori sollten innerhalb von vier Tagen für ein ausgefallenes Ensemble einspringen und brauchten auf die Schnelle eine Flötistin. Man erreichte Dorothee Oberlinger im Urlaub auf Sardinien, den sie flugs abbrach ("Wenn Regensburg ruft, dann ist das Ehrensache!" meinte sie zu mir), nach Regensburg kam, sah und siegte. Ich hatte dieses Konzert damals live mitverfolgen können und mir war da schon klar, welchen Sprengstoff dies Kombination in sich birgt. Denn die Leistung der Ausführenden war 2004 hervorragend und dies, ohne groß miteinander proben zu können. Nun sind aber mittlerweile fast vier Jahre vergangen, in denen man fleißig miteinander musizierte. Das Ergebnis ist einfach atemberaubend gut.
Die Sonatori kenne und schätze ich nun seit vielen Jahren. Oft habe ich die o.g. Werke von ihnen gehört - sie waren immer sehr, sehr gut interpretiert. In Dachau aber war es mehr als gut, da schwebte etwas ganz besonderes im Raum. Indikator dafür war die Zeit, die im Flug verging, was man gar nicht wahrhaben wollte - das Publikum konnte sich noch zwei Zugaben erklatschen, dann waren die zwei Stunden leider auch schon wieder vorbei.
Das besondere an diesem Konzert aber war und ist die Rolle von Dorothee Oberlinger, die sich als Ensemblemitglied und nicht als Solistin versteht. Das sieht man an kleinen Details, der Art ihres Auftre-tens, der Interaktion mit den Ensemblemusikern: Da ist jemand froh, sein musikalisches Alter Ego gefunden zu haben. Und das hört man dann auch.
"Warum waren wir denn so gut?" fragte mich nach dem Konzert der Cembalist Giam-pietro Rosato verwundert. Ja, warum? Weil Ort, Zeit, Musik, Interpretation und Publikum ideal zueinander passten, weil einfach alles stimmte. Es war mehr oder weniger nichts anderes als eine Sternstunde der Alten Musik, welche da einfach so in Dachau stattgefunden hat. Glücklich ist, wer dabei sein durfte!
Robert Strobl in "Toccata - Alte Musik aktuell 34/2008"