Schnell, spritzig, feurig
Das neue Jahr lässt sich für die Dachauer Schlosskonzerte sehr gut an: das erste Konzert ausverkauft, das zweite (im März) schon jetzt ausverkauft. Wie in der guten alten Zeit! Auch der Start mit Vivaldi erinnert an die Frühzeit der Dachauer Schlosskonzerte. Damals (vor rund 30 Jahren) spielte man Vivaldi allerdings ganz anders als heute. Das aktuelle Konzert mit dem übertreibenden Titel "Vivaldi-Nacht" gestalteten "Sonatori de la Gioiosa Marca" in solistischer Besetzung mit nur zwei Violinen, Viola und einer mit Violoncello, Violone, Arciliuto (Erzlaute) und Cembalo relativ stark besetzten Basso-continuo-Gruppe. Die Solistin der Solisten war die stets strahlende und mitreißend musizierende Blockflötistin Dorothee Oberlinger.
Wie also spielt "man" Vivaldi heute? Einerseits mit Nachbauten historischer Instrumente und zum Teil, etwa in der Bogenführung, in historischer Spielweise; andererseits in den Tempi des 21. Jahrhunderts unerhört virtuos bis hin zur musikalischen Akrobatik.
Eine "Vivaldi-Nacht" dieser Art würden weder die Musiker noch die Zuhörer aushalten. Sieben Konzerte und die sehr virtuose Sonata "La Follia" waren, in höchster Spannung und Konzentration gespielt, als Musikerlebnis absolut abendfüllend, obwohl sie samt langer Pause nicht einmal zwei Stunden beanspruchten.
Fast alle Concerti Vivaldis sind dreisätzig - Allegro - Largo - Allegro (Presto) - und dauern kaum zehn Minuten, vor allem wenn alle Allegro-Sätze im bisweilen fast atemberaubenden, in jedem Fall aber in äußerst effektvollem Presto gespielt werden. Beim Concerto "alla rustica" mit den Sätzen Presto - Adagio - Allegro wurde das abschlie-ßende Allegro noch weit schneller genommen als der Presto-Satz, also zumindest prestissimo. Das Publikum war begeistert, denn die "Sonatori" spielten nicht nur sehr schnell sondern auch spritzig und feurig und ihrem Namen alle Ehre machend klangvoll. 1729/30 erschien Vivaldis Opus 10 im Druck, "VI Concerti a Flauto Traverso, Violino Primo e Secondo, Alto Viola, Organo e Violoncello", die ersten drei mit den programmatischen Titeln "La Tempesta di Mare" (Der Seesturm), "La Notte" (Die Nacht) und "Il Gardellino" (Der Distelfink).
Diese drei Konzerte spielten die "Sonatori" zusammen mit Dorothee Oberlinger, Blockflöte. Die als Konzerte für Querflöte bekannten Stücke wirkten, in einer vielleicht ursprünglichen Fassung für Blockflöte gespielt, unerhört quirlig und lebendig. Der Seesturm wütete bedrohlich, die Nacht mit ihrer gespannten Stille, den fürchterlich gaukelnden Gespenstern und dem unruhigen Schlaf samt Albtraum nicht minder, und ein Distelfink könnte in der rasant modern geblasenen Blockflöte sein Vorbild entdecken. Dorothee Oberlinger wurde bejubelt.
Gut, dass sie im 21. und nicht im 18. Jahrhundert, also zur Zeit Vivaldis, lebt; denn schon 1722, als man einem Würzburger Bischof einen Musiker empfahl, "so sonderlich vom fagotte und flötte douce (Blockflöte) profession machet", antwortete dieser, nur dann an ihm Interesse zu haben, "wenn er eine guthe flute allemande (Querflöte) blaset - denn ahn der da becque (Blockflöte) nicht viel gelegen ist".
Dachauer SZ, 15. Januar 2008