Musik von Vivaldi in Bad Godesberg
Ein Distelfink in munterster Frühlingsstimmung als
Solist, pardon: als Solistin war zu Gast beim fünften
der städtischen Kammerkonzerte der "La Redoute"-
Reihe in Bad Godesberg: Dorothee Oberlinger
spendierte als eine der drei Zugaben den Finalsatz
des "Il Gardellino"-Konzerts für Flöte, Streicher und
Basso continuo, mit welchem Antonio Vivaldi dem
kleinen gefiederten Sänger eine brillant trillernde
Hommage gewidmet hat. Zusammen mit dem 1983
in Treviso gegründeten Spezialisten-Ensemble Alter
Musik, den "Sonatori de la Gioiosa Marca", hatte
Oberlinger zuvor ein wunderbar auf die Jahreszeit
abgestimmtes Concerto Italiano präsentiert, in
welchem Vivaldi und Antonio Reali aus der venezianischen
mit Pietro Giuseppe Gaetario Boni,
Francesco Durante und Domenico Sarri Vertreter der
neapolitanischen Schule Paroli boten.
Oberlinger, die seit Herbst 2004 am renommierten
Salzburger Mozarteum lehrt, zeichnet eine
faszinierende Synthese aus Musikalität und
Virtuosität aus, bei der sie von den nicht minder
hinreißenden "Sonatori" (Giorgio Fava und Giovanni
Dalla Vecchia, Violinen, Judit Földes, Viola, Walter
Vestidello, Violoncello, Giancarlo Pavan, Kontrabass,
Giancarlo Rodo, Theorbe, und Gianpiertro Rosato,
Cembalo) gewissermaßen auf Händen getragen
wird.
Frappierend, wie unprätentiös die Flöte zu Beginn
des Kopfsatzes von Vivaldis "La Notte", der Nr. 2
aus op. 10 (RV 104), aus den Streicherfarben gleichsam
hervorgleitet, um an anderer Stelle mit
Verschlusstönen rhythmisch forcierend und perkussiv
zu wirken, oder wie der Cello-Ton sanft liegen
bleibt zwischen dem dritten und dem vierten Satz.
Von gleicher Vitalität und einer geradezu atemberaubenden
Fingerfertigkeit die beiden Concerti in B
(RV 163) und in G (RV 444) für Sopranino und
Streicher, die das alte Vorurteil einmal mehr hinwegfegen,
Vivaldi habe recht eigentlich nur ein
einziges Konzert geschrieben.
General-Anzeiger, 25. April 2006