Barocke italienische Kostbarkeiten überwältigen
Das Ensemble traf das Publikum auch emotional
Historische Aufführungspraxis, das Spielen auf historischen
Instrumenten oder deren Nachbauten und
die kompromisslose Suche nach dem ursprünglichen
Klang - daran kommt heute kein Barockensemble
mehr vorbei. Insbesondere dann nicht, wenn man
sich wie die Sonatori de la Gioiosa Marca, eines der
renommiertesten und spannendsten europäischen
Barockensembles, der italienischen Musik des
17./18. Jahrhunderts, und hier ganz besonders der
venezianischen Tradition und dem Werk Antonio
Vivaldis verschrieben hat.
Was die 1983 in Treviso gegründeten Sonatori
allerdings von anderen Alte-Musik-Ensembles
abhebt und so unverwechselbar macht, das sind
eine unglaubliche Lebendigkeit des Musizierens und
eine bezwingende Stilistik in Sachen Phrasierung
und Artikulation, die sich am Mittwochabend im
Bietigheimer Kronenzentrum auf das Natürlichste
mit dem Streben nach dem Historisch-Authentischen
vereinten. Zusammen mit der international
mehrfach ausgezeichneten Flötistin Dorothee
Oberlinger musizierten die Sonatori (übersetzt:
Spielleute) federleicht und mit einer kaum zu überbietenden
Delikatesse; die Musiker beeindruckten
nicht einfach mit technischer und stilistischer
Souveränität, sie trafen die Zuhörer im nahezu
ausverkauften Kronenzentrum auch emotional. Es
war mehr als ein großer Abend für das Publikum,
mehr als ein Glücksfall der Interpretation barocker
Meisterwerke in traumwandlerisch sicherer
Kommunikation zwischen den einzelnen Künstlern:
dieses elektrisierende Hörerlebnis war ein Geschenk
an die italienische Barockmusik schlechthin. Auf
dem Programm standen bekannte und unbekannte
Kompositionen venezianischer und neapolitanischer
Meister.
Der erste Teil war den Venezianern Giovanni
Reali und Antonio Vivaldi vorbehalten. Vor allem die
drei Vivaldi-Konzerte für Blockflöte, Streicher und
Basso continuo offenbarten einen großen melodischen,
harmonischen und rhythmischen Reichtum,
den alle Beteiligten mit erfrischender Musizierlust
gerade in den oft dramatischen Kontrasten zwischen
Solo- und Tuttipassagen spannungsreich zum
Ausdruck brachten. Das Concerto RV 439 "La Notte"
("Die Nacht") ist geprägt von extrem wechselnden
Stimmungen, von entspannter, aber auch lastender
Ruhe bis zu aufregenden Traumbildern in hochvirtuosem
Passagenwerk. Blühende Klangsinnlichkeit,
poetisches Einfühlen und zugleich temperamentvolles
Dreinfahren sprachen aus seiner Interpretation,
in der Dorothee Oberlinger mit einer
wundervoller Tongebung auf der Altblockflöte
markante Akzente setzte. Vivaldis ausgeprägter
Sinn für das Theatralische und Naturalistische sowie
seine Freude an unerwarteten Wendungen und
überraschenden Klangeffekten wurden dann in den
Konzerten RV 163 "Conca" ("Muschel") und RV 444
deutlich, in denen als Soloinstrument nun die
Sopranblockflöte hinzutrat. Die Barockspezialisten -
allen voran Dorothee Oberlinger mit einem trotz
enormer spieltechnischer Anforderungen lupenreinen
Ton - zeigten mit unbändiger Spiellaune in
den kunstvollen Spielfiguren der Ecksätze Feuer
und höchste Brillanz, in den langsamen Sätzen
dagegen strömende und warme Kantabilität. Die
Sonatori sind eben Italiener, die auch mit dem
entsprechenden italienischen Temperament spielen.
Das bewies nicht zuletzt die Interpretation von
Giovanni Realis "La Follia", einem atemberaubenden
Variationssatz für zwei Violinen, Violoncello und
Basso continuo über einen alt-portugiesischen Tanz:
in seiner Ausführung war er ein weiterer Beleg für
die hohe Kunst der Sonatori de la Gioiosa Marca, die
trotz stellenweise halsbrecherischer Virtuosität
stets einen schlanken und transparenten Klang
wahrten. Bestach der erste Teil des Abends durch
venezianischen überschwang, so herrschten nach
der Pause in den Kompositionen von Giuseppe
Gaetano Boni, Francesco Durante und Domenico
Sarri neapolitanische Formenstrenge und ein eher
höfischer Charakter vor. Dabei bestachen die
Sonatori in Durantes Concerto a quattro e-Moll für
Streicher und Basso continuo gerade in den
reizvollen kontrapunktischen Engführungen des 2.
Satzes mit klanglicher Wärme und Schönheit.
Im abschließenden Flötenkonzert a-Moll von Domenico
Sarri begeisterte Dorothee Oberlinger noch einmal
das Publikum mit tiefer musikalischer Einsicht und
großer Klarheit, mit sorgsam vorbereiteten
Verzierungen und Tempowechseln sowie mit ihrer
überlegenen, stellenweise verwegenen Technik.
Nach lang anhaltendem Applaus verabschiedeten
sich die Künstler mit drei Zugaben; darunter die
lautmalerischen und in einem aberwitzigen Tempo
vorgetragenen Schlusssätze der Concerti "Il
Gardellino" ("Der Distelfink") und "Alla Rustica"
("Ländliches Konzert"), in denen Dorothee
Oberlinger dem überschäumenden italienischen
Temperament um nichts nachstand.
Bietigheimer Zeitung, 28. April 2006