Monteverdis Musik trifft die Seele
Cantus Cölln bescherte unvergessliches Erlebnis im Graf-Zeppelin-Haus.
Überwältigend vielfältig und kühn ist Claudio Monteverdis Tonsprache in der 1641 herausgegebenen Sammlung "Selva morale e spirituale". Interpretiert von Cantus Cölln und Concerto Palatino unter Konrad Junghänel wurde dieses musikalische Vermächtnis in seiner frühbarocken Expressivität zum unvergesslichen Erlebnis im Graf-Zeppelin-Haus.
Claudio Monteverdis "Selva morale e spirituale", ein kolossaler "Wald" mit 37 weltlichen Madrigalen und geistlichen Werken aus drei Jahrzehnten, gilt als die wohl bedeutendste Sammlung geistlicher Musik des 17. Jahrhunderts. Diese Musik "trifft die Seele ohne jegliche Umwege", sagt der Lautenist Konrad Junghänel, der sich mit dem von ihm gegründeten und geleiteten Vokalensemble "Cantus Cölln" ganz der Musik der Renaissance und des Barock verschrieben hat, einem Ensemble von außergewöhnlicher Homogenität und Klangkultur. Jeder Sänger und Instrumentalist ist hier ein begnadeter Solist, in den wechselnden Zusammensetzungen verschmelzen sie zu makelloser Einheit.
Aus der "Selva morale e spirituale" hat Junghänel für den Konzertabend ausgewählte geistliche Werke zu einer Art Vesper zusammengefügt, vom expressiven "Gloria a 7 voci" bis zum ungeheuer dynamischen Magnificat. Werke, für die Cantus Cölln sich erweitert auf acht Sänger - zwei Sopranistinnen, zwei Altisten beziehungsweise Countertenöre, zwei Tenöre und zwei Bassisten. Zu den zwei Violinen und dem Violone, aus dem sich der heutige Kontrabass entwickelt hat, kommen mit dem Ensemble "Concerto Palatino" Orgel, vier Posaunen und zwei Zinke hinzu, geschwungene historische Blasinstrumente aus Holz, die vom satten Klang her eher an Trompeten erinnern. Besonders intime Werke wie das "Salve Regina" für zwei Soprane begleitet Junghänel selbst auf der Laute: Ungemein zart, demütig und berührend singen die Sopranistinnen, während die Laute den intimen Charakter noch betont.
Welch ein Unterschied zum vollen Klang des einleitenden Gloria mit strahlenden Koloraturen, mit wunderbar getragenen, von den Zinken begleiteten Gesangslinien, von den Männerstimmen lebhaft aufgenommen. Auf einen flehenden Dialog der Tenöre folgt ein Dialog der Bässe, immer neu fügen sich Stimmen und Instrumente in hoher Emotionalität zusammen. Altisten leiten in wiegendem Dialog das "Dixit Dominus" ein, ein Trio von Alt, Tenor und Bass führt in wunderbarem Zusammenklang das "Confitebor" an, mit großer Spannung singen sechs Stimmen, begleitet von Posaunen und Streichern, das überschäumende "Beatus vir", das als Zugabe wiederholt wird. Wie eine Bestätigung aus dem Himmel erklingt im "Salve Regina" eines Solotenors ein zweiter Tenor aus ferner Höhe, während im "Laudate Dominum" die Melodie zwischen den in zwei Quartette aufgelösten Sängern hin- und herschwingt. Begeistert danken die Zuhörer im fast vollen Hugo-Eckener-Saal für das außergewöhnliche Konzerterlebnis.
Schwäbische Zeitung, 19.12.2008